Archiv für Januar 2011

Der Tag danach

Der nächste Morgen beginnt zumindest für mich mit einem Rätsel: allein befinde ich mich in einem mir unbekannten Zimmer. Brille und Schuhe fehlen. Umherirrend finde ich das Zimmer, in welchem ich eigentlich hätte aufwachen sollen, doch es ist versperrt! Mitleidiges Lächeln der Concierge trifft mich; die anderen seien schon weg. Mit dem Zentralschlüssel werde ich eingelassen, raffe mein Hab und Gut zusammen, bitte um Verzeihung und entschwinde Richtung Tourbus. Auf der Straße begegnet mir der Rest der Entourage, man war in der Ankerklause frühstücken, nachdem man des Morgens festgestellt hatte, daß mein Bett leer war. Sämtliche Sorgen, daß ich wegen Schnarchens o.s.ä. von meinen Kollegen des Zimmers verwiesen worden war, erweisen sich als unbegründet: Schlafwandeln nennt sich das Phänomen, das zu meinem Orientierungsversagen geführt hat. Fatal! Gut, daß wir im Parterre untergebracht waren, manch einer ist ja schon schnurstracks aus dem Fenster herausgewandelt.

Zusammen mit 50 % der grauenhaften Glamrocker von Tusq steuern wir Magdeburg an. Zumindest ist dies unser Plan, doch kommen die Heinis von der Vorband selbstredend erheblich verspätet am vereinbarten Treffpunkt an, da noch Moustaches und Seitenscheitel zu neuer Perfektion gebracht werden müssen. Sei’s drum, die Gruppe Herrenmagazin ist heute ohnehin zu nichts zu gebrauchen. Die Stunden im Monarch fordern ihren Tribut, man hängt regelergeben in den Seilen. Sänger und Schlagzeuger öffnen das erste Bier. Selbst die unverwüstliche Menschmaschine Andere Luigi muß sich heute am Steuer ersetzen lassen. Insgesamt wandelt sich heute kollektiv das Stimmungsbild der Band nach Ersteuphorie und völligem Wahnsinn zur unumgänglichen Tourmüdigkeit.
Das Projekt 7 ist jedoch ein freundlicher Laden, und wenig später trifft die Hamburger Abordnung Tusqs ein, ein fiebergeschüttelter Timo Sauer und ein gewisser Fuchs, der unter dem Vorwand, als Merchandise-Leiter von Tusq angereist zu sein, den Alkoholabusus des heutigen Abends in neue Dimensionen bringen wird. Erste Verluste im Equipment: Hi-Hat-Filz und Paukenschlägel sind verschollen, sollte jemand im Festsaal dergleichen gefunden haben, bitte hier melden!
Erneut übertrifft der Publikumsandrang alle Erwartungen (als hätten wir jemals welche gehabt), und trotz technischer Probleme von König „Ichschmeißgleichalleskaputthier“ Wilhelmsburg, den olfaktorischen Folgen des Vorabends und der kolossalen Zersoffenheit aller Beteiligten wird das Konzert in keinster Hinsicht ein Desaster. Glück gehabt. Zudem gibt es ein Wiedersehen mit dem Milfhunter aus Braunschweig, und nachdem sich Teile der Band in aller Stille ins Hotel zurückgeschlichen haben, beschäftigt sich eine Handvoll Verbliebener mit der Vernichtung der restlichen Alkoholvorräte im Backstage und lauscht den soziologisch verankerten Recherchen und Ausführungen des anerkannten FL-Experten J. Fuchs. Die Pläne, heute „mal wen kennenzulernen“, werden aufgrund der Ausmaße der im Keller stattfindenden Diskothek (ca. 5 Anwesende) verworfen. Ab.

Panik in der Hauptstadt

Fulda verlassen wir also unerwartet pünktlich um 9:00, um den Semihöllenritt nach Berlin zu beginnen. Andere Luigi ersinnt den bierdurstigen Mann, der sich nurmehr zur Bestellung „Br! Btt!“ durchringen kann, was zum Hauptthema des Tages werden soll. Darüber hinaus verschwimmt die Erinnerung an die Fahrt in der bereits erwähnten Routine: Leben als Kilometerabriß. Sehr romantisch, sehr frei. Von unbefugter Seite werden jedoch zum ersten Mal Klagen über den Pfandminister laut, der es in letzten Tagen nicht geschafft hat, den klimpernden Kasten Kasseler Pils loszuwerden. Unverfroren!
Berlin selbst empfängt uns in aller Unübersichtlichkeit, und erneut erstaunt uns die bis dato immer entspannte Parksituation vor den International Motor Management / Music Head Quarters in der Brunnenstraße: Andere Luigi beweist seine exzeptionellen Fähigkeiten in Sachen „mit so‘n paar Zügen in die Parktasche“; dann kommt es innerhalb der Band zu Differenzen, wer das nun anstehende Interview bei MotorFM bestreiten soll. Das lästigste an dieser Combo ist tatsächlich die absolute Unlust jedes einzelnen an öffentlicher Selbstdarstellung. So bleibt die Promotionsarbeit erneut an Deniz und mir hängen, da Faul nach einem Kaffeelöffelangriff auf den Hund unseres Managers die Flucht ergreift und der König sich in seiner Erschöpfung ergeht.

Nach heiterer Runde bei Winson im Studio und einem weiteren Interview eiert das Herrenmobil zum Festsaal Kreuzberg. Dort gutes Catering. Dort Einladen. Sänger und Trommler öffnen erste Biere. Dort Soundcheck.
Holger Lüken erscheint auf dem Tapet, sofort kippt die Stimmung (Lüge).
Der letzte Stand des Vorverkaufs läßt sämtliche im Vorhinein geäußerten Sorgen bezüglich überdimensionierten Austragungsortes vergessen machen: neuer Rekord in der Herrenhistorie (Zahlen geheim). Gäste lassen sich blicken, so unser vormaliger Mischer Rob („Nu komm, hier so ne Leberpiepenbemme, genau’s rischd‘je für ne schöne Mugge!“), so ein höchstmotivierter Torsund Berkhardt (Name geändert), der am heutigen Abend praktischerweise eine dreimonatige Straight-Edge-Phase beendet! Zudem tauchen unsere Feinde von Frittenbude auf, ach, es ist ein Stelldichein der neuen deutschen Kumpelhaftigkeit. Anstatt uns über unsere Quertreiber zu freuen, rufen die drei Luigis das Motto des Abends aus. Es lautet: „Party, Party!“.
Nachdem die feinen Menschen von PEER ihr Set beendet haben, kämpfen wir uns ein letztes Mal durch die Massen zum WC, denn das einzige Manko am Festsaal ist das Fehlen eines Backstage-Klos.

(links im Bild: ehem. peters.-Schlagzeuger Andr. Hoff.)

Derartige Rappelvolligkeit des Ladens hat so wirklich niemand erwartet, und ein derart beeindruckendes Bild von der Bühne herunter hat sich unseretwegen auch noch nie geboten. Was soll man zum Konzert ausschweifig werden; es war eben phantastisch. Danke, Hauptstadt.
(Hier noch bewegte optische Eindrücke:)



Hernach trinken die Backstage-Aquirierten restlos die alkoholischen Reserven weg, während unsereins abbaut und den Bus einräumt.

Ab. Monarch. Saufen, bis der Arzt ankommt. Jui hö!

Hit des Tages

I)
Bububu, Bububu,
Hapibupidabi!
II)
Bububu, Bibibi,
Hapibupidabi!

Bububu

Fulda, da war noch keiner von uns je zuvor. Außer Andere Luigi. Herrenmagazin sind heute als Kommando Halblang unterwegs, da am folgenden Tag früh aus den Federbetten gekrochen werden muß: Gurken nach Berlin zum Radio. Wenig mehr kommt herum als Gerätsel über den Gewölbebau und seine architektonischen Vorteile und einer messerscharfen Analyse über den Zustand der Comedy-Szene Deutschlands. Vor vierzig Anwesenden haben wir dennoch Spaß, doch ist auszuschließen, daß wir uns jemals Flammkuchen Tonno bestellen werden. Diese überflüssige Neuerung des Traditionsgerichtes ist nicht zu akzeptieren! Zum ersten Mal sind wir fast vor Mitternacht im Bett. Dnz (Name geändert) telephoniert mit Tobias Siebert, was er am nächsten Morgen vergessen haben wird!

1 a Landbier

Erlangen, Metropole der automobilen Aggression. Unfaßbar, welche Sitten hier herrschen: Fremde auf der zermürbenden Suche nach Musikfachläden werden erbarmungslos und ununterbrochen vom Mittelstand angehupt. Geht man hier schon mit Mitte 40 in Rente oder wieso haben die Erlanger nichts besseres zu tun als am späten Vormittag die Straßen ihrer Stadt zu verstopfen und Kleinwagenkrieg zu spielen? Entsprechend entnervt finden wir letztlich doch eine Abstellmöglichkeit für unser überdimensioniertes Gefährt und begeben uns ins Hotel. Dort ergeben wir uns erneut der Ödnis des Wartens, was zum unbändigen Wunsche führt, mal schön konditern zu gehen. Faul, der König und Dr. Engler begeben sich also in die Stadt, während Deniz sich seinem „spannenden Buch“ widmet. Statt Torte jedoch gieren Teile der Gruppe nach einem Döner, dessen Hersteller hinterm Tresen lauthals von seinem Ärger mit dem Gemüsehändler berichtet. Und siehe, schon ist es an der Zeit, den seltsamerweise nicht umgehend vom Zeugenstand ins Zuchthaus verfrachteten Andere Luigi vom Bahnhof abzuholen! Wenig später trifft auch der berüchtigte MischMagier T’Otto ein, womit die Reisegruppe Herrenmagazin endlich wieder komplett ist und die unsägliche Langeweile der nun folgenden Routine von Kaffee, Bier, Instrumentenschleppen, Bier und endlosem Soundcheck erträglich wird. Das Konzert wird trotz des etwas überdimensionierten Gemäuers ausgesprochen heiter, was auch anwesende Kabarettisten nicht schmälern können. Zum Ende des Abends belästigen Teile der Band andere Bandmitglieder, was photographisch festgehalten wird.